{"id":74,"date":"2018-02-17T18:26:18","date_gmt":"2018-02-17T17:26:18","guid":{"rendered":"https:\/\/gerhard.schuerrer.com\/?page_id=74"},"modified":"2023-03-23T16:00:09","modified_gmt":"2023-03-23T15:00:09","slug":"trauerrede","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/gerhard.schuerrer.com\/?page_id=74","title":{"rendered":"Trauerrede"},"content":{"rendered":"<p><strong>Psalm 104<\/strong><br \/>\n<em>Lobe den Herrn, meine Seele!<\/em><br \/>\n<em>Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich;<\/em><br \/>\n<em>du bist sch\u00f6n und pr\u00e4chtig geschm\u00fcckt.<\/em><br \/>\n<em>Licht ist dein Kleid, das du anhast.<\/em><br \/>\n<em>Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich;<\/em><br \/>\n<em>der du das Erdreich gegr\u00fcndet hast auf festen Boden,<\/em><br \/>\n<em>dass es bleibt immer und ewiglich.<\/em><br \/>\n<em>Du feuchtest die Berge von oben her,<\/em><br \/>\n<em>du machst das Land voll Fr\u00fcchte, die du schaffest.<\/em><br \/>\n<em>Du l\u00e4ssest Gras wachsen f\u00fcr das Vieh<\/em><br \/>\n<em>und Saat zu Nutz den Menschen,<\/em><br \/>\n<em>dass du Brot aus der Erde hervorbringst,<\/em><br \/>\n<em>dass der Wein erfreue des Menschen Herz<\/em><br \/>\n<em>und sein Antlitz sch\u00f6n werde vom \u00d6l<\/em><br \/>\n<em>und das Brot des Menschen Herz st\u00e4rke.<\/em><br \/>\n<em>Herr, wie sind deine Werke so gro\u00df und viel!<\/em><br \/>\n<em>Du hast sie alle weise geordnet,<\/em><br \/>\n<em>und die Erde ist voll deiner G\u00fcter.<\/em><\/p>\n<p><em>Es warten alle auf dich,<\/em><br \/>\n<em>dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.<\/em><br \/>\n<em>Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie;<\/em><br \/>\n<em>wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem ges\u00e4ttigt.<\/em><br \/>\n<em>Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;<\/em><br \/>\n<em>nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.<\/em><br \/>\n<em>Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen,<\/em><br \/>\n<em>und du machst neu die Gestalt der Erde.<\/em><br \/>\n<em>Die Herrlichkeit des Herrn bleibe ewiglich,<\/em><br \/>\n<em>der Herr freue sich seiner Werke!<\/em><br \/>\n<em>Lobe den Herrn, meine Seele! Halleluja!<\/em><\/p>\n<p>Liebe Familie, liebe Freunde und Bekannte,<br \/>\nbeim Abschied von Gerhard sollen uns Verse aus dem Psalm, den wir eben geh\u00f6rt haben, begleiten:<\/p>\n<p><em>Herr, wie sind deine Werke so gro\u00df und viel!<\/em><br \/>\n<em>Du hast sie alle weise geordnet,<\/em><br \/>\n<em>und die Erde ist voll deiner G\u00fcter.<\/em><br \/>\n<em>Lobe den Herren, meine Seele.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Trauergemeinde,<\/p>\n<p>Gerhards Leben war dem Sch\u00f6pfungslob aus dem Psalm sehr nahe. F\u00fcr ihn war alles was lebte heilig, er war gerne in der Natur, er schuf gerne gute und best\u00e4ndige Dinge. Und er war sich seiner Sterblichkeit als Gesch\u00f6pf bewusst: Er war zuversichtlich, das er als Gottes Gesch\u00f6pf bei Gott ein Zuhause auch nach dem Tod findet.<\/p>\n<p>So ist es ein trauriger Tag. Aber auch ein Tag, an dem wir Gott danken und ihn loben k\u00f6nnen. Er hat Gerhard seine Lebenszeit geschenkt. Ein Leben, dass viel Gutes hinterlassen hat, bei ihnen, die sie heute Mittag hier sind.<\/p>\n<p>Lasst uns dankbar auf das Leben von Gerhard zur\u00fcckschauen.<\/p>\n<p>Er wurde 1938 in Aussig im Sudetenland geboren. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr durfte er dort eine sch\u00f6ne Kindheit verbringen. Mit seinen Eltern, die mit \u00fcber 40 Jahren schon sehr alt waren, als sie ihn bekamen und mit seinen Bruder Gerfried, der leider schon lange verstorben ist.<br \/>\nSeine Mutter schrieb in ihr Tagebuch \u201e<em>Der Gertl liebt die Blumen und die Tiere \u00fcber alles<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Die Idylle endet, als sie alle 1945 vertrieben wurden. Viele schlimme Bilder haben sich auf der Flucht in ihn eingebrannt. Viel dr\u00fcber geredet hat er nicht. So wie die meisten seiner Generation. Aber die Erinnerung, wie sch\u00f6n es war, dass er an seinem siebten Geburtstag mal auf dem Leiterwagen mitfahren durfte, spricht B\u00e4nde. Die Familie musste damals alles zur\u00fccklassen. Das hat Gerhard gepr\u00e4gt. Er konnte schwer Dinge wegwerfen. Und er hatte alles, z.B. jedes Werkzeug, das man brauchen konnte. Als wollte er vorsorgen f\u00fcr eine schlimme Zeit.<\/p>\n<p>Die Familie landet erst in K\u00fchlungsborn, obwohl sie zu Verwandten nach Frankfurt wollten. Seine Eltern haben dort in einem Kinderheim gearbeitet. Danach ging es nach Erfurt. Dort wurde Gerhard konfirmiert. Kurz vor dem Mauerbau schaffte die Mutter es durch ein geschicktes Man\u00f6ver, die Familie aus der DDR zu schaffen. Nun kamen sie endlich nach Frankfurt. Und zwar nach Enkheim zu Gerhards Patenonkel Rudi. F\u00fcr Gerhard war diese weitere Flucht keine Befreiung. Wieder einmal musste er alles zur\u00fccklassen, seine Freunde und auch seine erste Liebe. Erst auf dem Bahnsteig offenbarten seine Eltern ihm, dass er nie wieder zur\u00fcckkommen w\u00fcrde. Seine Freunde von damals hat er sp\u00e4ter immer wieder gerne in Erfurt besucht.<\/p>\n<p>In Frankfurt macht er die Schule fertig und vor dem Studium macht er sich auf dem Fahrrad auf nach Venedig gegen den Willen seiner Eltern. Doch nicht allein. Mit 17 Jahren ist er schon mit Inge zusammengekommen. Kennengelernt hatte er sie in der Gemeindejugend beim Kirchenchor und Theaterspielen. Die beiden waren ein sch\u00f6nes Paar: Ich habe ein Foto von ihnen von damals gesehen. Sie sitzen fr\u00f6hlich vor ihrem kleinen Zelt. Auch mit dem Faltboot waren die beiden gerne unterwegs.<\/p>\n<p>Gerhard studiert, wird technischer Bauzeichner und dann Tiefbau-Ingenieur. Inges Mutter war da sehr hinterher, dass er dabeiblieb.<\/p>\n<p>Auch als Ehepaar blieben Gerhard und Inge dem Camping und Fahrradfahren zugewandt. Am Kahler See campten sie, lange bevor es dort einen richtigen Campingplatz gab. Als es dann sp\u00e4ter zu der offiziellen Platz\u00fcbergabe durch die Gemeinde kam, hat er sogar vor dem Gemeindeamt \u00fcbernachtet, um auch ja am n\u00e4chsten Morgen den Platz zu bekommen, wo sie sich schon h\u00e4uslich eingerichtet hatten.<br \/>\nDieser Platz war Gerhards ein- und alles.<br \/>\nJetzt hat ihn seine Tochter \u00fcbernommen. Das war Gerhard sehr wichtig.<\/p>\n<p>Die Kinder kamen f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse sp\u00e4t, da war er schon 30 Jahre als Kai und 34 Jahre alt, als Tanja geboren wurde.<\/p>\n<p>Beide arbeiteten, Inge als Industriekauffrau und Gerhard bei der Bahn. Gerhard war zust\u00e4ndig f\u00fcr den Gleisbau am Hauptbahnhof und hat auch beim Bau der S-Bahn-Tunnel mitgearbeitet. Wenn die Familie mit der Bahn aus Frankfurt herausfuhr, dann sagte er: <em>H\u00f6rt ihr die Gleise?<\/em> Er war stolz darauf, dass diese besser gemacht waren, als die jenseits seines Baubezirks. Als stv. Dienstellenleiter und Baubezirksleiter war er auch zust\u00e4ndig f\u00fcr Notf\u00e4lle, also Unf\u00e4lle an der Strecke.<\/p>\n<p>Auch hier zeigte sich seine Tierliebe, wenn es etwa um verungl\u00fcckte Tiere ging, bem\u00fchte er sich die Halter der Tiere zu ermitteln und \u00fcber den Verlust des Tieres zu informieren.<\/p>\n<p>Die Kinder haben ihre Eltern als sehr entspannt erlebt. Sie hatten eine Elternzeitschrift abonniert und probierten auch gerne moderne Erziehungsmethoden aus.<\/p>\n<p>Tiere waren ihm immer wichtig, ob es der Hund Struppi war oder am Ende die Katze Bagira, die er von den Nachbarn \u00fcbernommen hatte. Und so wurden auch alle toten Tiere, die er oder seine Kinder fanden im Garten beerdigt.<\/p>\n<p>Gewohnt hat die Familie lange in einem drei Familienhaus in der Birsteinerstr. Da war die Schwiegermutter auch mit dabei. Sp\u00e4ter sind sie dann umgezogen, in das Haus in dem er bis zuletzt- und zum Schluss allein gewohnt hat.<\/p>\n<p>Sehr in Atem gehalten hat die Familie, die vielen Krankheiten von Inge, die dann Gerhard manchmal im Anschluss auch bekam. Ungew\u00f6hnlich und doch erkl\u00e4rlich durch die gro\u00dfe N\u00e4he zwischen den beiden, die bis zum Tod von Inge blieb und dar\u00fcber hinaus. Er sorgte sich um und f\u00fcr Inge. So traf ich ihn im Gottesdienst in der Strickjacke seiner Frau. Auch \u00fcber andere Dinge im Haus hielt er Kontakt zu ihr. Ihr Tod in 2017 war ein schlimmer Verlust f\u00fcr ihn, \u00fcber den er nie hinweggekommen ist.<\/p>\n<p>Gerne war die beiden miteinander unterwegs, ob beim Wandern, etwa mit den Laubustaler Wanderfreunden oder im Urlaub in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Gerhard war ein begeisterter Griller. Fr\u00fcher gab es kein Gemeinde- oder Stra\u00dfenfest ohne ihn am Grill als Garant f\u00fcr h\u00f6chste Qualit\u00e4t und beste Vorbereitung. So hatte er nicht nur jeden Grill, den man bekommen konnte &#8211; eine richtige Grillsammlung. Sondern auch alles, was er f\u00fcr seinen Grillstand auf den Stra\u00dfenfesten brauchte. Vom Pavillon bis zur Fritteuse.<\/p>\n<p>Aber nicht nur am Grill trat er in unserer Kirchengemeinde in Erscheinung. Er war lange im Kirchenvorstand, war immer ansprechbar, wenn Hilfe gebraucht wurde. Oft hat er noch im hohen Alter den K\u00fcsterdienst in der Glaubenskirche \u00fcbernommen. Oft war er im Gottesdienst. Und wir zwei sa\u00dfen als letzte zusammen im Bibelgespr\u00e4chskreis. Den wir dann vor drei Jahren gemeinsam schlossen, weil sonst niemand mehr kam.<\/p>\n<p>Gerhard war ein Handwerker. Er konnte alles ein bisschen, ob es ums Auto oder etwas am Haus ging.<\/p>\n<p>Die Jahre nach dem Tod von Inge waren schwer f\u00fcr ihn. Er war einsam, konnte Hilfe v.a. von seinen Kindern, aber doch nicht richtig annehmen. Sehr wichtig wurden f\u00fcr ihn die Nachbarn, ob es die Familie Kloster war oder Waltraud Becker. Seine Kinder hatten ihm in ihrem Haus eine eigene Wohnung eingerichtet. Aber dort wollte er nicht hin. Zuletzt wurde es f\u00fcr Kinder schwer dabei noch zuzusehen. Eine fortschreitende Demenz lie\u00df sie immer wieder in Sorge um ihren Vater zur\u00fcck.<\/p>\n<p>So ist er im letzten Jahr gest\u00fcrzt und kam ins Krankenhaus. Und als sie nun dachten jetzt geht es wirklich nicht mehr f\u00fcr ihn allein, da ist er gestorben. Ein schneller Tod. In seinem Haus. So wie er es sich wohl gew\u00fcnscht hat.<\/p>\n<p><em>Herr, wie sind deine Werke so gro\u00df und viel!<\/em><br \/>\n<em>Du hast sie alle weise geordnet,<\/em><br \/>\n<em>und die Erde ist voll deiner G\u00fcter.<\/em><br \/>\n<em>Lobe den Herren, meine Seele.<\/em><\/p>\n<p>Ich glaube, Gerhard h\u00e4tte in diese Worte f\u00fcr den R\u00fcckblick auf sein Leben gut einstimmen k\u00f6nnen. Gerhard war ein gl\u00e4ubiger Mensch. Es tat ihm weh, dass es im Fechenheimer Norden kaum noch jemanden gab, der sich f\u00fcr die Kirche interessierte. Und er hatte ein tiefe innere Glaubensgewi\u00dfheit. Seine Frau hatte bei einer schweren Operation eine Nahtoderfahrung. Sie konnte davon in gro\u00dfer Ruhe und Zuversicht berichten. \u201e<em>Es ist sch\u00f6n dort<\/em>\u201c, sagte sie. Diese Zuversicht teilte Gerhard. Der Tod war f\u00fcr ihn kein Schrecken.<\/p>\n<p>So lasst uns auch nicht erschrecken vor seinem Tod. Last ihn uns als einen Heimgang betrachten, zu seinem geliebten und gelobten Gott und zu seiner geliebten Frau Inge.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Pfarrer Arne Zick im Februar 2023<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Psalm 104 Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist sch\u00f6n und pr\u00e4chtig geschm\u00fcckt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. 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